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Ursprünglich erschienen in: 30 Grad Magazin, Nr. 13, Ausgabe 1/2022
Text: Bettina Homann
Illustrationen: Maria Jesús Contreras

Von Friemlern, Bastlern und Tüftlern

Porzellan, Uhren, Schreibgeräte, Rasurprodukte: Kaum sonst irgendwo in Deutschland ist die Dichte an Traditionsmanufakturen so hoch wie in Sachsen. Woran liegt das?

Wenn Mario Klötzer, technischer Leiter bei Mühle, sich eine Maschine anschaut, geht es nicht nur darum, festzustellen, ob alles richtig läuft. Es geht immer auch darum, zu überlegen, wie es noch besser laufen könnte. Wäre „Haben wir immer schon so gemacht“ das Motto des Unternehmens, wäre es wohl kaum so erfolgreich. Das Manövrieren im Spannungsfeld von Expertentum und Experimentierfreude hat Mühle mit anderen Traditionsmanufakturen gemein, von denen es in Sachsen viele gibt.

„Allein Tradiertes zu erhalten und weiterzuführen, scheint mir nicht dauerhaft tragfähig. Manufaktur muss einerseits Wissen bewahren und Werten wie Qualität und Langlebigkeit verpflichtet bleiben. Anderseits muss sie sich in ihrer jeweiligen Zeit immer neu erfinden. Design und Nachhaltigkeit spielen dabei heute eine größere Rolle als je zuvor“, sagt Mühle-Chef Andreas Müller.

Seit Generationen werden in Manufakturen Wissen und Können weitergegeben, um so unterschiedliche Dinge wie Schreibgeräte, Barometer oder hölzerne Weihnachtsengel auf höchstem Niveau zu fertigen. Weltweit bekannt sind die Uhren aus Glashütte und das Porzellan aus Meissen. Um Tradition zu wahren, braucht es Beständigkeit, manchmal sogar eine gewisse Sturheit. Um sie in die Zukunft zu führen, braucht es noch etwas anderes.

Der Leipziger Kabarettist Bernd-Lutz Lange beschreibt das so: „Die Sachsen sind Friemler, Bastler, Tüftler, immer gewesen. Von Chlorodont über den BH bis hin zu Filtertüten, das ist alles hier erfunden worden.“ Die Fakten geben ihm recht: Sachsen hat deutschlandweit die höchste Ingenieursdichte, Sachsens Hochschulen bringen die meisten Patent-Anmeldungen hervor.

Wo man sich richtig reinkniet

Das Städtchen Glashütte im Osterzgebirge. Auf 7.000 Einwohner kommen in dem von Wäldern und Hügeln umgebenen Städtchen zehn Uhrmanufakturen. Lange & Söhne ist hier beheimatet, Glashütte Original, Tutima. Seit 1845 werden im Müglitztal hochwertige Uhren gefertigt, der Ort hat für Uhrenliebhaber auf der ganzen Welt Strahlkraft. Die „Glashütter Regel“ gibt vor, dass mindestens 50 Prozent der Wertschöpfung hier passieren muss – so kann sich niemand mit dem Namen „Glashütte“ schmücken, die Fertigung dann aber an andere Orte auslagern.


„GLASHÜTTE IST EINE ART SCHWEIZ IM KLEINFORMAT. DIE TECHNISCHE KOMPETENZ, DER WILLE SICH TIEF REINZUKNIEN, DIE ES HIER GIBT, SIND EINZIGARTIG. “ 


Judith Borowski, Geschäftsführerin von Nomos

Direkt neben den Bahngleisen sitzt Nomos. Insbesondere hier wird getüftelt, was das Zeug hält. 1990 wurde das Unternehmen vom Düsseldorfer EDV-Experten Roland Schwertner, der von der Uhrenkompetenz im Ort gehört hatte, gegründet. Später kamen als Co-Geschäftsführer Uwe Arendt und Judith Borowski dazu. Mit puristischem am Bauhaus orientierten Design und hochwertiger Technik zu erschwinglichen Preisen machten sie Nomos zur erfolgreichsten deutschen Uhrenmarke.

„Glashütte ist eine Art Schweiz im Kleinformat“, sagt Judith Borowski. „Die technische Kompetenz, die es hier gibt, der Wille, sich tief reinzuknien, die Zusammenarbeit mit den Hochschulen, um technologische Entwicklungen voranzutreiben – all das ist einzigartig.“ Mithilfe herausragender technischer Kompetenz gelang es Nomos, ein besonders flaches Uhrwerk zu entwickeln, was der angestrebten schlanken Eleganz der Uhren zu Gute kommt. „Wir nutzen das tradierte Wissen“, sagt Borowski, „aber wir verbinden es mit dem Morgen.“

Wo Manufakturen seit Jahrhunderten staatlich gefördert werden

Von Glashütte nach Meissen. Hier ist mit Meissen Porzellan die älteste und wohl bekannteste Manufaktur Sachsens beheimatet. An der Geschichte der Porzellanherstellung lässt sich gut aufzeigen, warum die Manufakturszene in Sachsen so ausgeprägt ist.

Kurfürst August I von Sachsen, 1670 geboren und mit dem Titel „der Starke“ geschmückt, leidet nach eigenen Angaben an der „maladie de porcelaine“. Er ist geradezu krankhaft versessen auf Porzellan, das er teuer in China einkauft, weiß doch in Europa niemand, wie man es herstellt. So holt er den Alchimisten Johann Friedrich Böttger an seinen Hof, dem es angeblich gelungen war, Gold herzustellen. Solch ein Wissen könnte der Fürst zur Finanzierung seines – auch abgesehen von der Porzellanleidenschaft – teuren Lebenswandels gut gebrauchen. Das mit dem Gold stimmte zwar nicht, aber die Rezeptur für die Porzellanentwicklung fand der Alchimist Böttger tatsächlich heraus und 1710 gründete August der Starke die erste Porzellanmanufaktur Europas. Und nicht nur die. Auch Produktionsbetriebe für Stoffe, Farben, Gewehre und astronomische Geräte lässt er einrichten. Auch ist er ein großer Förderer der Leipziger Messe, die als Handelsplatz bereits im Mittelalter gegründet wurde. Exportgüter „Made in Saxony“ sollen Geld in die Staatskasse spülen.


Die Förderung staatlicher Manufakturen hatten vor dem Fürsten schon andere absolutistische Herrscher betrieben – vor allem in Frankreich. Der Begriff „Manufaktur“, der heute nach guter alter Zeit klingt, nach Premium-Produkten, die unter fairen Bedingungen hergestellt werden, stand einst für knallhartes kapitalistisches Kalkül. Indem man verschiedene Gewerke unter einem Dach versammelte und außerdem ein Handwerk in hochspezialisierte Teilarbeiten zergliederte, konnte Produktqualität optimiert und die Produktion verbilligt werden. Wichtigste Neuerung solcher Produktionsstätten: Die Produktionsmittel gehörten nicht mehr den Handwerkern.

Heute ist Meissener Porzellan ein Kulturgut, das der Sächsische Staat, immer noch Inhaber der Manufaktur, fördert. „Der Herstellungsprozess ist seit 300 Jahren überliefert“, sagt Tillmann Blaschke, Geschäftsführer von Meissen. „Der Werkstoff Kaolin kommt immer noch aus unserem eigenen Bergwerk.“ Auch Formgebung und Bemalung haben sich kaum verändert.

Wo man sich die Hände reicht

Was das Design angeht, sucht Meissen allerdings durchaus Anschluss an den Zeitgeist. Und wagt unerwartete Kooperationen wie die mit dem New Yorker Skaterlabel Supreme, mit dem zusammen man die limitierte Plastik „Amor mit T-Shirt“ herausbrachte. „Wenn die alt-ehrwürdige Dame Meissen mal mit den jungen Wilden von Supreme an einem Tisch sitzt – das ist schon eine spannende Begegnung“, sagt Blaschke und lacht.

Auch Meissen und Mühle haben sich schon zusammengetan und ein Rasierset mit bemaltem Porzellangriff entwickelt. „Jedes Unternehmen hat seine Geschichte, seinen Stolz, seinen Platz im Markt und es ist eine schöne Sache, wenn sich zwei die Hand geben“, findet Blaschke. Ist die Hand richtig gewählt, ist eine solche Kooperation eine gelungene Strategie, um eine Marke in die Zukunft zu führen ohne mit der Tradition zu brechen.

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