Ursprünglich erschienen in: 30 Grad Magazin, Ausgabe 2020/1

Quell der Jugend

In Seoul besuchte ich kürzlich einen Kosmetiktempel, ein abstrus großes Ladengeschaft, in dem sich Elixiere und Cremes bis unter die Decke stapeln. Ich war nicht allein. Links, rechts, vor, hinter mir - Männer. In keinem Land der Welt geben Männer so viel Geld für Hautpflege aus wie in Südkorea. Um "Mul-Gwang" auszusehen, also wie frisch aus der Dusche.

Und ich? Kam bislang ganz gut ohne Double Cleanse und Layering Hydration aus. Zum einen, weil mir die Beauty-Redakteurin eines einflussreichen Modemagazins hinter vorgehaltener Hand einmal erzählte, sie nehme ja überhaupt keines der zahlreichen Mittelchen; zum anderen, weil ich ohnehin oft Komplimente für meine "ach so reine" Haut bekomme - soll ich das ruinieren?


 

Aber gucken kostet ja nichts. Zumal in die Zukunft. Es heißt, Korea sei uns in Dingen der Schönheit um zehn Jahre voraus, und ich werde ja auch nicht jünger. Zwischen Schneckensekret, Eselsmilch und Bienengift entdecke ich eine "Extreme Power Camo Cream", eine hautfreundliche Camouflage-Farbe, und eine "Power Military Mask" mit Grüntee-Extrakt. Ein Freund erklärt mir, dass die Wiege für den Schönheitswahn koreanischer Männer ausgerechnet im Wehrdienst liegt. Sonne, Strapazen, Schützengraben - nicht gut für zarte Männerhaut. Schon gar nicht, wenn man beim Start ins Berufsleben möglichst jugendlich aussehen soll: youth equals ability.

Make-up und Skincare bei Männern gelten in Korea als Werkzeug für ein neues Selbstbewusstsein. "You are a brand" lautet der treffende Claim eines koreanischen Unisex-Kosmetikherstellers. Das bleibt auch in Europa nicht unbemerkt: Chanel etwa brachte jüngst eine Make-up-Linie für Männer auf den Markt mit Foundation, Lippenbalsam und Augenbrauenstift. Zurück in Deutschland bekomme ich von einer Freundin ausgerechnet jenen Augenbrauenstift geschenkt. Sie habe ihn zufällig entdeckt und fand ihn äußerst kurios, erzählt sie: "Ich weiß nicht, wer das kaufen soll, aber ich dachte: Wenn jemand damit etwas anfangen kann, dann ja wohl du."

 

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Florian Siebeck lebt in Frankfurt und München und schreibt als freier Journalist u.a. für F.A.Z., NZZ Folio und GQ. Zuletzt war er als Reiseredakteur von Architectural Digest in der Welt unterwegs und mit seinen Augenbrauen eigentlich sehr zufrieden.

 

Illustration: Tim Blann